Vom Geheimtipp zum Hotspot – Warum Investoren sich jetzt um Halle reißen

Wohnen wird in Halle attraktiver.

 

Halle (Saale) –

In seiner Zeit als Fußballprofi machte es Torsten Kracht als Abwehrspieler den Stürmern schwer. Heute arbeitet der Leipziger als Projektentwickler in der Immobilienbranche, ist Vorstandsmitglied bei der CSO Instone Real Estate Group AG. Halle, die Nachbarstadt, müsste der 51-Jährige gut kennen. Allerdings nahm die überregionale Immobilienwirtschaft von Halle über Jahre nur am Rande Notiz. Das hat sich geändert. „Es war arrogant, dass wir uns so spät mit dem Markt in Halle auseinandergesetzt haben“, sagte Kracht auf dem 12. Hallenser Immobiliengespräch im Dorint-Hotel.

 

Investor begeistert: Halle ist längst kein Geheimtipp mehr, sondern Hotspot

Dort überschlugen sich auswärtige Investoren mit Lobeshymnen auf die Stadt. Michael Rücker, Geschäftsführer des Kommunikationsunternehmens W&R Immocom und Herausgeber eines Fachmagazins für den mitteldeutschen Immobilienmarkt, sieht Halle heute als Hotspot, nicht mehr als Geheimtipp.

„Die Stadt liefert eine Story, das war nicht immer so.“ Investorenfreundlich, schnelle Baugenehmigungen: Das kommt bei den Firmen gut an. „Wir setzen auf Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft als Kernpunkte. Die Rückbauphase ist beendet. In Halle wird längst wieder neu gebaut“, sagt Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos). Es gebe in der Stadt noch Brachen und Baulücken, aber sie werden weniger. „Die Nachfrage nach Grundstücken ist sehr groß und führt dazu, dass wir etwa in der Innenstadt auch die letzten Schrottimmobilien in den nächsten Jahren beseitigt haben“, so der OB.

Bauboom in Halle: Häuser auch in weniger attraktiven Stadtteilen saniert

Gleichwohl ziehen die Grundstückspreise kräftig an, vor allem für Mehrfamilienhäuser. 2011 zahlten Investoren für eine unbebaute Fläche in Halle noch durchschnittlich 78 Euro pro Quadratmeter, 2016 waren es schon 197 Euro. Zum Vergleich: In Leipzig liegt der Quadratmeterpreis für Bauland bei 261 Euro – der Markt in Halle ist da noch etwas homogener.

 

 

Und die Investoren interessieren sich längst auch für weniger attraktive Wohnlagen. So will die Tempus Immobilien & Projekt GmbH aus Erfurt an der Karl-Meseberg-Straße, nahe des Edeka-Centers, das „Hirschquartier“ mit 150 Wohnungen für die Mittelschicht bauen. Kaufpreis für die Wohnungen pro Quadratmeter: 2.850 Euro.

Die Reininvesta Grundstücks- und Verwaltungsgesellschaft aus Berlin wiederum hat in der Volkmannstraße, am Videowürfel Hallcube, ein leeres Objekt saniert. In die 65 Appartements sollen Studenten einziehen. Die Wohnungen selbst kaufen Kapitalanleger aus ganz Deutschland als Altersvorsorge. Quadratmeterpreis: zwischen 3.000 und 4.000 Euro. Und Torsten Kracht, der Ex-Fußballer, will mit seiner Firma die ehemalige Teefabrik an der Merseburger Straße entwickeln – immerhin mit 100 Wohnungen. Und auch nach diesem Ensemble strecken Kapitalanleger die Finger aus. „Innerhalb von drei Monaten waren alle Wohnungen verkauft. Das hätte ich mir nicht vorstellen können. Viele der neuen Besitzer waren zuvor noch nie in Halle.“

Was gibt der Markt noch her?

Doch während sich die externen Projektentwickler die Hände reiben, sehen ortsansässige Investoren wie Temba Schuh die Marktlage in der Stadt weit weniger rosig. „Ich kann ja verstehen, dass sich die Stadt über jeden Investor freut. Allerdings ist die Frage, was der Markt wirklich hergibt.“ Je teurer Grundstücke werden, desto schwieriger werde es, wirtschaftlich zu arbeiten. Zumal sich auch Mietpreise nicht beliebig nach oben schrauben lassen. 14 bis 15 Euro pro Quadratmeter wie etwa in Leipzig seien in Halle kaum machbar. Hier liegt die Obergrenze bei zehn/elf Euro.

Die Stadt, sagt der OB, denke hingegen schon weiter. „Wir sind eingekesselt und haben nach Außen hin keine Entwicklungs-Chancen.“ Eine Gebietsreform wie 2004 schließe er für die nächsten Jahre aus. Was bleibt Halle, um auch künftig genügend Wohnraum anbieten zu können? Wohl nur der Weg nach oben. Hin zu Wolkenkratzern. (mz)

 

Zeitungsartikel der Mitteldeutschen Zeitung. Dirk Skrzypczak. 05.11.2018